Die Probefahrt ist der wichtigste Moment beim Occasionskauf. Ein Auto kann auf dem Hof tadellos aussehen, im Inserat perfekt beschrieben sein und trotzdem beim ersten Kilometer verraten, dass etwas nicht stimmt. Viele der teuersten Mängel, ein rupfendes DSG, eine müde Kupplung, ausgeschlagene Fahrwerkslager oder ein Motor, der im Warmzustand zickt, zeigen sich erst in Bewegung.
Trotzdem lassen sich erstaunlich viele Käufer auf eine kurze Runde ums Quartier ein, mit warmem Motor und dem Verkäufer als Beifahrer, der die ganze Zeit redet. Das ist genau die Situation, in der man Probleme überhört. Eine gute Probefahrt ist ruhig, systematisch und lang genug, um das Auto in allen Situationen zu erleben: Stadt, Landstrasse und wenn möglich Autobahn.
In diesem Ratgeber bekommen Sie eine klare Checkliste, wie Sie eine Probefahrt vorbereiten und worauf Sie bei Motor, Getriebe, Bremsen, Lenkung und Fahrwerk konkret achten. So verwandeln Sie eine nette Spritztour in eine echte Prüfung.
Vor der Probefahrt: die Vorbereitung
Die wichtigste Regel: Der Motor sollte kalt sein, wenn Sie ankommen. Ein bereits warmgefahrener Motor kann einen schweren Kaltstart, Rauch oder Geräusche verbergen. Kommen Sie also lieber etwas früher oder bitten Sie darum, das Auto kalt zu übernehmen.
- Papiere zuerst: Lassen Sie sich vor der Fahrt Fahrzeugausweis, Serviceheft und den letzten MFK-Bericht zeigen. Stimmen Name, Fahrgestellnummer und Kilometerstand überein? Welche Papiere Sie brauchen, steht hier: Fahrzeugausweis und Papiere beim Occasionskauf.
- Kaltstart beobachten: Starten Sie selbst und hören Sie hin. Nagelt der Diesel lange? Kommt beim Anlassen blauer oder weisser Rauch? Leuchtet eine Warnleuchte, die nach ein paar Sekunden wieder verschwindet?
- Rundum-Check im Stand: Alle Lichter, Blinker, Scheibenwischer, Klima, elektrische Fenster und Assistenzsysteme durchprobieren. Was hier nicht geht, wird auf der Fahrt nicht besser.
- Versicherung klären: Fragen Sie, ob das Auto eingelöst und versichert ist. Bei privaten Verkäufen ohne Kontrollschilder ist eine Fahrt auf öffentlicher Strasse nicht erlaubt.
Der Motor unter Last
Sobald Sie fahren, geht es um Geräusche, Kraftentfaltung und Verhalten unter Last.
- Beschleunigen Sie kräftig aus niedriger Drehzahl. Zieht der Motor gleichmässig durch oder gibt es Löcher, Ruckeln oder ein Aufheulen ohne Vortrieb (Anzeichen für Kupplung oder Getriebe)?
- Blick in den Rückspiegel beim Gasgeben: Blauer Rauch deutet auf Ölverbrauch, schwarzer auf ein Gemischproblem, dicker weisser auf mögliche Zylinderkopfdichtung.
- Geräusche: Klackern, Pfeifen des Turbos, metallisches Rasseln beim Beschleunigen. Fenster kurz herunterlassen und dem Motor zuhören.
- Warmlaufphase: Läuft der Motor rund, sobald er warm ist? Bleibt die Öldruck- oder Temperaturanzeige im normalen Bereich?
Getriebe und Kupplung
Beim Getriebe stecken die teuersten Überraschungen, gerade bei den im VW-Konzern verbreiteten DSG-Doppelkupplungsgetrieben.
- Handschalter: Alle Gänge sauber durchschalten, auch im Rückwärtsgang. Kratzt es beim Einlegen? Rutscht die Kupplung, wenn Sie im hohen Gang bei tiefer Drehzahl Vollgas geben und die Drehzahl steigt, ohne dass das Tempo mitkommt?
- DSG / Automat: Achten Sie auf ruckartiges Schalten, Verzögerung beim Anfahren, ein Rupfen oder Zögern beim Wechsel zwischen Vorwärts und Rückwärts. Ein sauberes DSG schaltet unmerklich.
- Anfahren am Berg: Die Schweiz hat genug Steigungen. Fahren Sie an einer Rampe an und spüren Sie, ob Kupplung oder Wandler sauber greifen.
Welche modellspezifischen Getriebe-Schwachstellen es gibt, zeigen wir am Beispiel Skoda Octavia und VW Golf.
Bremsen, Lenkung und Fahrwerk
Auf einer ruhigen, geraden Strecke lassen sich Fahrwerk und Bremsen gut beurteilen.
- Bremsen: Bremsen Sie mehrfach, sanft und einmal kräftig (wenn die Verkehrslage es zulässt). Zieht das Auto zur Seite? Rubbelt das Pedal (verzogene Scheiben)? Quietscht oder schleift es?
- Lenkung geradeaus: Nehmen Sie kurz die Hände locker vom Lenkrad. Läuft das Auto geradeaus oder zieht es? Ein Ziehen deutet auf Spur, Reifen oder Fahrwerk hin.
- Fahrwerk auf schlechter Strasse: Suchen Sie bewusst Kopfsteinpflaster oder eine ruppige Strecke. Poltern, Klappern oder Knacken über Bodenwellen weisen auf verschlissene Lager, Koppelstangen oder Federbeine hin.
- Lenkung in der Kurve: Knacken beim Einlenken kann auf Antriebswellengelenke hindeuten.
Elektronik, Assistenz und die letzten Meter
Moderne Occasionen stecken voller Elektronik, und die ist im Reparaturfall teuer.
- Testen Sie alle Assistenzsysteme, die vorhanden sind: Spurhalter, Tempomat, Parksensoren, Rückfahrkamera, Head-up-Display. Fehlermeldungen im Display sind ein deutliches Warnsignal.
- Prüfen Sie das Infotainment in Ruhe, inklusive Bluetooth, Navi und aller Bildschirme. Bei neueren Modellen mit Touch-Bedienung lagen hier oft die Kinderprobleme.
- Nach der Fahrt lassen Sie den Motor im Stand laufen und schauen unter das Auto: Tropft irgendwo Öl, Kühlmittel oder Getriebeöl auf den Boden?
- Bestehen Sie, wenn irgend möglich, auf eine Diagnose des Fehlerspeichers in einer Garage. Gelöschte oder gespeicherte Fehler, die im Cockpit nicht aufleuchten, verraten viel.
Eine Probefahrt ersetzt keine gründliche technische Kontrolle. Bei einem teuren Kauf lohnt sich ein neutraler TCS-Fahrzeugcheck oder die Prüfung in einer Garage Ihres Vertrauens.
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FAQ
Wie lange sollte eine Probefahrt dauern?
Mindestens 20 bis 30 Minuten, und sie sollte Stadt, Landstrasse und wenn möglich Autobahn abdecken. Eine kurze Runde ums Quartier reicht nicht, um Fahrwerk, Getriebe und Motor unter Last wirklich zu beurteilen.
Sollte der Motor bei der Probefahrt kalt oder warm sein?
Kalt. Ein bereits warmgefahrener Motor kann einen schweren Kaltstart, Rauch oder Startgeräusche verbergen. Bitten Sie darum, das Auto kalt zu übernehmen, und starten Sie wenn möglich selbst.
Darf ich eine Occasion ohne eigene Versicherung Probe fahren?
Nur, wenn das Fahrzeug eingelöst und versichert ist beziehungsweise über gültige Kontrollschilder verfügt. Klären Sie das vorab mit dem Verkäufer. Bei einem Auto ohne Schilder ist die Fahrt auf öffentlicher Strasse nicht erlaubt.
Worauf achte ich beim DSG-Getriebe während der Fahrt?
Auf ruckartiges Schalten, Verzögerung beim Anfahren und ein Rupfen beim Wechsel zwischen Vorwärts und Rückwärts. Ein gesundes DSG schaltet praktisch unmerklich. Fahren Sie zusätzlich an einer Steigung an, um Kupplung und Getriebe unter Last zu testen.
Was mache ich nach der Probefahrt?
Lassen Sie den Motor im Stand laufen, schauen Sie unter das Auto nach Undichtigkeiten und bestehen Sie wenn möglich auf eine Diagnose des Fehlerspeichers. Bei teureren Käufen lohnt sich zusätzlich ein neutraler Fahrzeugcheck durch den TCS oder eine Garage.